Definition des Österreichischen Bundesverbandes Legasthenie (ÖBVL):
„Wir verstehen Legasthenie und Dyskalkulie als Manifestationen einer heterogenen Vielfalt organischer, kognitiver und psychosozialer Störungen, die einzeln oder synergetisch wirksam sind. Daher muss die Betreuung an den kausalen Störungen ansetzen".
Worin besteht der Unterschied zwischen einer Lese – Rechtschreibschwäche und der Legasthenie?
Eine Lese – Rechtschreibschwäche hat eine relativ leicht erkennbare Ursache; sie kann z.B. bei einem Kind vorliegen, das nicht deutschsprachig ist, oder die Schule gewechselt bzw. Teile versäumt hat. Sie ist vorübergehender Art und kann mit entsprechender Nachhilfe meist bald überwunden werden.
Die Legasthenie ist eine neuropsychologische Teilleistungsstörung im Bereich der Schriftsprache. Funktionen, die für das Lernen wichtig sind, also etwa die Merkfähigkeit, die visuelle oder akustische Differenzierung, Raumorientierung oder Psychomotorik, sind beeinträchtigt. Die Verarbeitung des Wahrgenommenen im Gehirn gelingt nicht fehlerfrei.
Was sind mögliche Ursachen der Legasthenie?
Es gibt mehrere mögliche organische Ursachen, die teils gleichzeitig vorkommen können, oder sich auch gegenseitig verstärken. Dazu gehören Chromosomen – oder Genabweichungen, Vererbung, fehlgesteuerte Zellbildung oder Zellwanderung während der embryonalen Hirnentwicklung, perinatale Krankheiten oder Schädigungen, unpräzise Zusammenarbeit der Hirnregionen, u.s.w.
Welche Folgestörungen kommen hauptsächlich vor?
Man kann die Sekundärsymptomatik grob in drei Gruppen einteilen: seelische, soziale und psychosomatische Störungen.
An erster Stelle stehen die seelischen Störungen.
Dazu gehören Ängste, Entmutigung, Selbstwertverlust, Schulangst, Verlust der Lernmotivation, …
Je nach Persönlichkeit und Umweltreaktionen kommen alle möglichen sekundären seelischen Störungen vor.
Besonders tiefgreifend ist die Angst für dumm gehalten zu werden. Erfahrene Kränkungen sitzen oft so tief, dass sie oft noch als Erwachsene damit zu kämpfen haben, obwohl die Legasthenie selbst völlig oder fast ganz überwunden ist.
Erwachsene Legastheniker berichten, dass sie auch jetzt noch alles tun, sich und der Unwelt zu beweisen, dass sie nicht dumm sind.
Die psychosozialen Folgen äußern sich als Anpassungs- – und Verhaltensprobleme: zu Hause, in der Schule, im Berufsleben. Untersuchungen zeigen, dass Legastheniker gehäuft gefährdet oder beeinträchtigt sind im Hinblick auf ihre soziale Integration. Was im Kindesalter noch als Verhaltensauffälligkeit gilt (Leistungsverweigerung, Rauferei, …), kann sich später zu ernsten dissozialen Problemen auswachsen.
Unerkannte, zu spät, zu wenig oder gar nicht behandelte Legastheniker sind unter Schulabbrechern, Berufs – und Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Kriminellen und Gefängnisinsassen überdurchschnittlich häufig vertreten.
Die dritte Gruppe beschreibt die psychosomatischen Beschwerden vieler Legastheniker.
Dazu gehören Kopf – oder Bauchschmerzen, Ess – Schlafstörungen, Hautprobleme, Allergien, Fieberschübe und andere nicht organisch bedingte Symptome.
Sie treten vor der Schule oder vor Prüfungen auf, während sie in den Ferien völlig verschwinden können.
Sie müssen ernst genommen und medizinisch – psychologisch behandelt werden.